Die Angst, völlig gesunde Eltern zu verlieren: Antizipatorische Trauer verstehen
LONITÉ Redaktion

Antizipatorische Trauer braucht keine Diagnose. Warum sich der Gedanke nicht zu Ende denken lässt, warum Sorgen heute den Schmerz später nicht kleiner machen und was stattdessen hilft.
Es gibt eine Form von Angst, die nicht erst mit schlechten Nachrichten beginnt.
Sie zeigt sich in kleinen Beobachtungen an Ihren Eltern. Zum ersten Mal sagen sie „in meinem Alter“. Sie halten sich plötzlich am Handlauf fest. Sie schlagen die Wanderroute nicht mehr vor, die früher Tradition war.
Sie bemerken Flecken auf denHänden Ihrer Eltern, die früher nicht da waren und ertappen sich kurz darauf dabei, Ihre eigenen anzusehen. Der Fernseher ist lauter eingestellt, als Sie ihn hören würden. Im Restaurant reden sie weniger als früher und lachen einen Moment später als alle anderen.
Es ist nichts falsch, und nichts ist passiert. Trotzdem rechnen Sie plötzlich im Kopf: Sie nehmen das Alter eines Elternteils, stellen es der durchschnittlichen Lebenserwartung gegenüber und brechen die Rechnung ab, bevor eine Zahl herauskommt.

Was ist antizipatorische Trauer?
Antizipatorische Trauer ist Trauer, die bereits vor einem Todesfall beginnt und nicht erst danach. Klinisch wird der Begriff vor allem für Familien verwendet, die mit einer terminalen Diagnose konfrontiert sind. Doch diese Erfahrung braucht keine solche Diagnose. Sie kann in dem Moment beginnen, in dem Ihnen zum ersten Mal bewusst wird, dass Ihre Eltern älter werden.
Fast alles, was über antizipatorische Trauer veröffentlicht wird, richtet sich an Menschen, deren Elternteil bereits krank ist. Deutlich weniger gibt es für diejenigen, deren Eltern völlig gesund sind und die sich ein wenig merkwürdigvorkommen, weil sie um jemanden trauern, der gerade draußen im Garten steht.
Trotzdem zählt dieses Gefühl. Ihre Eltern sind älter als früher, und ein Teil Ihres Geistes hat bereits begonnen, sich innerlich zu wappnen.
Sich zu wappnen ist das, was Liebe tut, wenn sie bemerkt, dass die Zeit vergeht.
„Ich kann mir eine Welt ohne sie nicht vorstellen“
Diese Angst hat weniger mit Beerdigungen zu tun als mit einem Gedanken, den Sie nicht zu Ende denken können. Der Gedanke geht ein Stück weit, erreicht eine Welt, in der dieser Mensch nicht mehr existiert und lässt sich dort kaum länger als eine Sekunde festhalten, bevor der Verstand ihn wieder weglegt.
Es gibt einen Grund, warum der Gedanke dort abbricht.
Jeder Mensch trägt ein Geflecht von Grundannahmen in sich. Bestimmte Menschen existieren, bestimmte Dinge sind verlässlich da und die Welt hat eine bestimmte Form. In der Trauerforschung spricht man von der „assumptive world“, der Welt unserer grundlegenden Annahmen. Ein Elternteil ist darin meist ein tragendes Element. Sich seine Abwesenheit vorzustellen, bedeutet deshalb, sich vorzustellen, wie der Rahmen selbst nachgibt und der Verstand weigert sich, diesen Gedanken weiterzuführen.
Wie viel Ihrer Welt auf Ihren Eltern ruht, merken Sie oft erst, wenn Sie versuchen, sich diese Welt ohne sie vorzustellen.
„Ich könnte das nicht überleben“
Der zweite Gedanke ist keine Vorstellung, sondern eine Vorhersage.nd Genau darin sind Menschen besonders schlecht.
Sie können Ihre eigenen zukünftigen Gefühle nicht zuverlässig vorhersagen. Fragt man Menschen, wie sie sich nach etwas Schrecklichem fühlen werden, überschätzen sie meist sowohl die Stärke des Schmerzes als auch seine Dauer. Was diese Vorhersage ausblendet, ist die gewöhnliche Arbeit, die der Geist leistet, um etwas Schmerzhaftes mit der Zeit abzumildern – etwas, das man nicht spüren kann, bevor es beginnt.
Auch wenn der Verlust eines Elternteils nie leicht zu verkraften ist, blendet die Verlustvorstellung die Menschen aus, die dann an Ihrer Seite sein werden, ebenso wie eine Widerstandskraft, von der Sie heute noch nichts wissen.
„Wenigstens bereite ich mich darauf vor“
Der intuitive Glaube ist, dass man den Verlust durch gedankliches Durchspielen gewissermaßen in Raten abbezahlt, damit die Rechnung später kleiner ausfällt. Die Forschung zur antizipatorischen Trauer stützt diese Annahme nicht. Ein Teil der Forschung weist sogar in die entgegengesetzte Richtung: Erwachsene Kinder, die den Tod am stärksten vorweggenommen hatten, passten sich danach schlechter an.
Gedankliches Durchspielen ist keine Vorbereitung. Es lässt Sie für dieselbe Vorstellung zweimal bezahlen.
Ihre Eltern haben wahrscheinlich weniger Angst als Sie
Wenn Todesangst bei älteren Menschen und zugleich bei ihren erwachsenen Kindern gemessen wird, erzielen die Kinder durchgehend höhere Werte. Außerdem schätzen sie die Angst ihrer Eltern oft falsch ein und gehen von einer Belastung aus, die häufig gar nicht vorhanden ist.
Ältere Menschen hatten im Allgemeinen mehr Zeit, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Viele haben ihre eigenen Eltern beerdigt, manche auch Freunde. Ein Elternteil, der damit Frieden geschlossen hat und dessen Kinder das Thema trotzdem umschiffen, wird damit vor einem Gespräch „geschützt“, zu dem er längst bereit gewesen wäre.
Der Trauer Raum geben
Zu wissen, warum die Angst so funktioniert, verhindert nicht, dass sie auftaucht. Trauer, die Jahre zu früh kommt, fühlt sich wie ein Fehler an, der korrigiert werden muss. Die meisten Menschen reagieren darauf, indem sie versuchen, sich gedanklich aus ihr herauszuarbeiten.
Stattdessen hilft Akzeptanz: die Trauer da sein zu lassen, ohne gegen sie anzukämpfen. Das bedeutet weder, den Verlust gutzuheißen, noch dafür bereit zu sein. Eine Welle, gegen die Sie nicht ankämpfen, steigt an, bleibt eine Weile und klingt wieder ab. Stemmen Sie sich dagegen, schlägt sie gegen Sie, baut sich erneut auf, kommt wieder und erschöpft Sie. Ruhe entsteht eher, wenn Sie sich mit dem Wasser bewegen, statt sich ihm entgegenzustellen.
Thich Nhat Hanh beschäftigte sich einen großen Teil seines Lebens damit, wie das eine in etwas anderes übergeht, und fasste die Idee in ein Bild: „Sie würden nicht weinen, wenn Sie wüssten, dass Sie beim tiefen Blick in den Regen die Wolke noch immer sehen können.“
Eine Wolke wird zu Regen, und der Regen wird zum Tee in Ihrer Tasse. Das, was Sie am Himmel gesucht haben, liegt plötzlich in Ihren Händen.
Diese Weitergabe geschieht Ihr ganzes Leben lang und sie geschieht auch jetzt. Die Gesten Ihrer Eltern stecken bereits in Ihren Händen. Ihre Formulierungen tauchen in Ihren Sätzen auf, wenn Sie müde sind. Menschen, die ihnen nie begegnen werden, werden etwas von ihnen in Ihnen kennenlernen. Das, was Sie zu verlieren fürchten, ist bereits dabei, in Sie überzugehen.

Wie Sie das Gespräch beginnen
Nichtwissen ist ein Teil dessen, woraus diese Angst besteht – und genau diesen Teil können Sie schon jetzt klären. Was sich Ihre Eltern wünschen und wo wichtige Dinge aufbewahrt werden, lässt sich am leichtesten herausfinden, solange alles in Ordnung ist. Das Thema anzusprechen kann sich anfühlen, als würde man etwas heraufbeschwören. Doch Ihre Eltern denken meist schon seit Jahren darüber nach; Sie führen also nichts Neues ein. Was häufig schiefläuft, sind Zeitpunkt und Formulierung.
Nutzen Sie den Moment, wenn er sich ergibt. Einen gesunden Elternteil direkt zu fragen, was er sich für die eigene Beerdigung wünscht, kann wie ein Vorwurf wirken. Familien beginnen dieses Gespräch selten aus dem Nichts. Meist kommt das Thema von selbst auf, wenn jemand aus dem Bekanntenkreis stirbt und die Familie darüber spricht, wie alles geregelt wurde. Viele Menschen haben klare Meinungen zu einer Trauerfeier, die sie erlebt haben, oder dazu, wie eine andere Familie damit umgegangen ist.Genau in diesen Meinungen steckt oft die eigentliche Antwort.
Lassen Sie es ruhig praktisch werden. Viele ältere Menschen sind erleichtert, wenn sie über organisatorische Dinge sprechen können. Wo die Dokumente liegen oder, ob es ein Testament gibt. Viele Erwachsene haben noch immer keines.
Versuchen Sie nicht, alles auf einmal zu klären. Dieses Thema kann über Jahre hinweg immer wieder aufgenommen werden, ob im Auto, in der Küche oder in einzelnen kurzen Gesprächen.
Fragen Sie, was bewahrt werden soll. Viele Familien überspringen diesen Punkt, obwohl er später oft besonders wichtig wird. Einige Eltern möchten in der Nähe ihrer eigenen Eltern beerdigt werden. Manche wünschen sich, dass ihre Asche an einem bestimmten Ort verstreut wird. Andere möchten, dass die Familie etwas bewahrt – etwa die Asche selbst, Ascheschmuck oder einen Erinnerungsdiamanten, also einen Diamanten aus Asche. Wer von einer Möglichkeit nie gehört hat, kann Ihnen auch nicht sagen, dass er sie sich gewünscht hätte.
Dann lassen Sie das Thema wieder ruhen und sprechen über etwas anderes.

Was Sie festhalten können, solange Ihre Eltern noch da sind
Das Sinnvollste, was Sie mit dieser Angst tun können, ist, daraus ein Projekt zu machen.
In der Palliativmedizin gibt es eine kurze Intervention, bei der jemand zu seinem Leben befragt wird: was wichtig war, worauf die Person stolz ist und woran sie sich erinnert wissen möchte. Die Aufnahme wird zu einem Dokument bearbeitet, das sie ihrer Familie hinterlassen kann. Menschen, die daran teilnehmen, berichten von einem stärkeren Gefühl von Sinn und Bedeutung – ebenso wie die Familien, die dieses Dokument erhalten.
Dafür braucht es keine klinische Fachperson. Eine Familie mit einem Smartphone und einem Jahr ganz gewöhnlicher Besuche kann am Ende etwas Ähnliches haben: eine Lebensgeschichte in der eigenen Stimme der Mutter oder des Vaters.
In einzelnen Etappen funktioniert es besser als in einer einzigen Sitzung. Ein angekündigtes Interview macht daraus sofort einen besonderen Anlass. EineAntwort während einer Autofahrt, eine Stunde nach dem Abendessen, ein Spaziergang im Park: Die Form kann später beim Bearbeiten entstehen. Am Anfang ist vor allem wichtig, die einzelnen Stücke an einem Ort zu sammeln, statt sie in der Kamerarolle zu verstreuen, wo sie später niemand wiederfindet.
Wenn ältere Menschen auf ihr Leben zurückblicken, häufen sich ihre Erinnerungen deutlich stärker in den Jahren zwischen etwa zehn und dreißig als in anderen Lebensphasen. enau diese Erinnerungen sind besonders eng damit verbunden, wer sie selbst zu sein glauben. Fragen Sie deshalb nach den Jahrzehnten, bevor es Sie gab. Wie sie mit neunzehn waren. Wen sie beinahe geheiratet hätten. Wie hoch ihr erstes Gehalt war. Welchem ihrer eigenen Eltern sie ähnelten und, ob sie das störte. Etwas, das sie getan haben und das niemand vermuten würde.
Widerstehen Sie dem Impuls, ihnen ins Wort zu fallen oder Dinge für jemanden zu erklären, der die Aufnahme vielleicht später einmal sieht.
Dann gibt es noch Dinge, an die nur wenige Menschen denken.
Ihre Hände. Filmen Sie sie bei etwas, das sie schon zehntausendmal getan haben: Teig kneten, einen Apfel schälen, ihren Namen unterschreiben. Hände sind etwas, das viele Menschen später nicht mehr klar vor ihrem inneren Auge sehen können.

Ihr Lachen. Nehmen Sie sie beim Lachen auf statt beim Sprechen. Das Lachen ist oft das Erste, das verblasst.
Ihre Vorlesestimme. Bitten Sie sie, ein Kinderbuch laut vorzulesen; so bleibt diese Stimme auch für ein Urenkelkind erhalten, das noch niemand kennengelernt hat.
Etwas, das sie getragen haben. Ein Schal, ein Mantel, ein Pullover, in dem sie praktisch gelebt haben. Jahre später werden Sie in eine Tasche greifen und merken, wie weich der Stoff dort geworden ist, wo ihre Hand immer lag.
Ein Gegenstand erfüllt eine andere Funktion als eine Aufnahme, weshalb es sich lohnt, den Schal neben den Filmen aufzubewahren. Er nimmt physischen Raum ein und begegnet Ihnen deshalb, statt dass Sie gezielt danach suchen müssen. Außerdem übersteht er auch Vernachlässigung, während Dateien nur so lange erhalten bleiben, wie jemand sie immer wieder auf neue Geräte oder Speichermedien kopiert.
Manche Menschen lassen aus einer Haarsträhne einen Diamanten züchten – ein Erinnerungsstück, das buchstäblich aus einem Teil dieses Menschen entsteht und nicht nur an ihn erinnert. LONITÉ züchtet in seinen Schweizer Laboren sowohl Diamanten aus Haaren als auch Erinnerungsdiamanten aus Asche. Haare enthalten mehr Kohlenstoff als Aschenders als Asche können sie bereits zu Lebzeiten eines Elternteils gegeben werden. Manche Familien machen daraus ein gemeinsames Projekt oder ein Geschenk zu einem Jahrestag, bei dem ein Elternteil die Farbe selbst auswählt. Aus dem Nichts um eine Haarsträhne zu bitten, kann seltsam wirken; deshalb ist es besser, den Wunsch offen anzusprechen, statt die Sache still im Hintergrund zu organisieren.
Welches Erinnerungsstück es am Ende auch wird, ob Schal oder Diamant:tragen Sie es. Was Sie tragen, begleitet Sie auch an Tagen, an denen Sie nicht bewusst daran denken.
Wonach diese Angst eigentlich verlangt
Die Angst verlangt eher nach Nähe als nach Beruhigung: nach Telefonaten, die länger dauern als nötig, nach Fragen, solange sie noch beantwortet werden können, und nach Nachmittagen, an denen es um nichts Besonderes geht.
Wenn diese Angst nicht mehr nur gelegentlich auftaucht, wenn sie Sie nachts weckt oder Sie auch an Tagen begleitet, an denen nichts passiert ist, lohnt es sich, mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer therapeutischen Fachperson darüber zu sprechen. Sie müssen keine bestimmte Schwelle überschreiten, um diese Hilfe in Anspruch nehmen zu dürfen.
Sie haben die Rechnung abgebrochen, bevor eine Zahl herauskam. Es wäre ohnehin keine verlässliche Zahl gewesen. Was Ihnen tatsächlich bleibt, ist die Zeit mit Ihren Eltern, die noch vor Ihnen liegt.
Quellen
Sinoff, G. (2017). Thanatophobia (death anxiety) in the elderly: the problem of the child's inability to assess their own parent's death anxiety state. Frontiers in Medicine.https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5326787/
Smith, S. H. (2005). Anticipatory grief and psychological adjustment to grieving in middle-aged children.https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16082914/
Fee, A., Hanna, J. and Hasson, F. Anticipatory grief systematic review, Cruse Bereavement Care.https://www.cruse.org.uk/wp-content/uploads/2021/09/Anticipatory-Grief-Systematic-Review-21.9.20.pdf
Gilbert, D., Pinel, E., Wilson, T., Blumberg, S. and Wheatley, T. (1998). Immune neglect: a source of durability bias in affective forecasting. Journal of Personality and Social Psychology.https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9781405/
Parkes, C. M., zur „assumptive world“; Janoff-Bulman, R. (1992), Shattered Assumptions. Überblick:https://en.wikipedia.org/wiki/Shattered_assumptions_theory
Chochinov et al., Dignity Therapy. Systematische Übersichtsarbeit: BMC Palliative Care (2015).https://bmcpalliatcare.biomedcentral.com/articles/10.1186/s12904-015-0007-1
Understanding the reminiscence bump: a systematic review. PLOS One (2018).https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371%2Fjournal.pone.0208595 Weiterführende Literatur. Warum Erinnerungsstücke bewusst ausgewählt werden sollten und warum die Verbindung zu einem Elternteil nicht endet, sondern weiterbesteht: Volkan, V. (1981), Linking Objects and Linking Phenomena; Klass, Silverman und Nickman (1996), Continuing Bonds; sowie die systematische Übersichtsarbeit zu „continuing bonds“ in Death Studies (2023).https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/07481187.2023.2223593
Thich Nhat Hanh, No Death, No Fear, 2002. Urheberrechtlich geschützt; kurz und mit Quellenangabe zitiert.https://plumvillage.org/books/no-death-no-fear







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